Von Ulla Dahmen

Neubau am Obertor ersetzte die baufällige Marienkapelle. 1900 vor Abriss gerettet.

Neuss. Im Sommer 1711 alarmierte Bürgermeister Klump den Stadtrat: Er informierte die Herren, dass „ . . . die Oberpforten-Muttergottes-Kapelle dergestalt baufällig sei, daß sie nächstens nicht ohne großen Schaden überhaufen fallen dürfte.“ Diese Kapelle stand wahrscheinlich schon seit dem 13. Jahrhundert am Neusser Stadtrand. Am Donnerstag wurde der Nachfolgebau, die Obertorkapelle, 300 Jahre alt.

Die erste kleine Marienkapelle am mächtigen Obertor rückte 1475, im Jahr der Stadtbelagerung durch die Truppen von Burgunderherzog Karl dem Kühnen, in den Mittelpunkt.

Bittgang während der Belagerung

Stadtschreiber Christian Wierstraet beschreibt, dass sich die verzweifelten Neusser zum Bittgang zur Kapelle aufmachten. Als sie zu Maria beteten, so heißt es in der Stadtchronik, schossen kölnische Hilfstruppen eine Nachricht mit einer Kanonenkugel in die Stadt. Die Bürger gelobten, es solle „Samstags solang steht die Erden/ Eine Erbmeß stets gelesen werden.“

Gut 240 Jahre später ersetzte ein Neubau das Tuffsteingebäude. 40 Kannen Bier, so ist penibel festgehalten, wurden zum Richtfest ausgegeben und sicher auch getrunken. Der Rat legte fest, der erste feierliche Gottesdienst sei am Oktavtag von Mariä Himmelfahrt, dem 22. August, gefeiert werden. Die Kapelle erfuhr reichlich Zuwendungen von Neusser Bürgern. Max Tauch, Vorsitzender des Fördervereins, berichtet, der Besitz sei so groß gewesen, dass die Bruderschaft von der schmerzhaften Mutter sogar hohe Summen an die Stadt ausleihen konnte.

Zur Franzosenzeit ging die Kapelle in die Armenverwaltung der Stadt über, blieb aber als Gotteshaus erhalten; die kleine Bruderschaft löste sich auf. Das baufällige Nachbarhaus abgebrochen und neu gebaut; 1865 kauften es Augustinerinnen und nutzten das „Klösterchen“ als Ort der Krankenpflege. Heute ist das liebevoll restaurierte Haus unmittelbar neben der Kapelle in Privatbesitz.

Gefahr drohte der kleinen Kapelle im Jahr 1900. Da hatte das Gotteshaus zwar den großen Brand überstanden, der die Mühlen am Obertor zerstörte. Doch die Stadt wollte die Umgebung des Obertors „freilegen“, wie es damals hieß, um so die Verkehrsverhältnisse zu verbessern. Die Neusser wehrten sich erfolgreich, die Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes am Obertor blieb erhalten.

Ein Förderverein kümmert sich seit sechs Jahren um das kleine Gotteshaus. Zum Jubiläum hatten die Mitglieder um Max Tauch, Klaus Haas und Thomas Janta am Donnerstag Erzbischof Joachim Kardinal Meisner eingeladen. Ein anderer Erzbischof kam vor fast 600 Jahren zu der Kapelle am Tor: Der Bericht über die Huldigung der Bürger für Erzbischof Dietrich II. zählt zu den ältesten Quellen, die die Existenz der Marienkapelle belegen.

Quelle: Westdeutsche Zeitung vom 22. August 2013